Der Teekessel und die Nomadin – oder wie ein Borderliner auszog und verschwand

1998

„Ich muss hier weg, von diesem Ort, von diesem Leben!“

Übereilt werden Sachen in Umzugskartons gestopft. Das meiste Zeug ist nur noch Ballast und fliegt in den Müll. Der Druck, zu verschwinden ist riesig! Er braucht ein Ventil. Ich muss verschwinden, weg von Ort, Menschen, Gefühlen und diesem Leben. Mein Ventil: Flucht, Bewegung.

Ohne Rücksicht auf irgendetwas. Ohne Rücksicht auf mich, auf andere, auf die Finanzen. Ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, welchen Einfluss das haben könnte und ob ich diesen überhaupt vertreten kann. Aber so ist das nun mal mit Druck. Wenn der Teekessel beginnt, Dampf raus zu pressen und gellend zu pfeifen, hilft es auch nicht mehr, auf das Wasser zu pusten, damit es etwas runterkocht. Man kann ihn nur noch vom Herd nehmen. Die Temperatur herunter regeln, sagst Du? Den Schalter umlegen, der für die hohen Temperaturen sorgt, die das Wasser zum kochen bringen und so den Druck im Kessel erzeugen? Kein schlechter Gedanke – die Crux daran ist nur, dass sich der Kessel auf dem Herd befindet und keine Arme hat. Er ist so sehr damit beschäftigt, einen Druckausgleich herzustellen, dass er nicht aufhören kann, zu schreien und zu rumpeln. So lange, bis ihn jemand anderes erhört und ihn von der Kochstelle nimmt.

Herrje, das wird eine ganz schön lange Reise und rückblickend frage ich mich, wie man vorausschauend so blind sein kann. Erkennst Du die Dauerschleife, die sich anbahnt? Der Teekessel verschwindet und zieht weiter. Wohin zieht es einen Teekessel? Ans brisige Meer oder in die Berge gar? Pah, natürlich zu einem Herd, zum nächsten Siedepunkt, denn er ist ja ein Teekessel. Bis es auch dort unerträglich heiß wird und der Druck so groß, dass nichts anderes mehr zählt, als den Brandherd fluchtartig zu verlassen. Ein Teekessel, der Druck nicht mag – na das kann ja was werden.



2018

„Ich denke darüber nach, diesen Ort zu verlassen. Es gefällt mir hier, aber es gibt nichts, das mich hier hält.“

Was denn? Dachtest Du etwa, man hört auf zu sein, wer man ist, nur weil man nicht mehr an der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung leidet?

Nein, denn die Flucht (oder vielmehr die Flüchte) waren keine Reaktion aus den Umständen, also keine Flucht um des Fliehens-Willen. Und es war auch keine Reaktion, die aus der Persönlichkeitsstörung resultiert. Ich bin geflohen, weil diese Reaktion am ehesten meiner Persönlichkeit entspricht. Der Herd und der Teekessel sind das Borderline-Problem, nicht das Ventil, welches wir wählen.

~ Some are born to spread their wings and others to spread their roots ~

Jen Fountain

Ich bin eine Nomadin, ich habe Flügel und keine Wurzeln. Ich muss wandern, entdecken, meine Neugier befriedigen, Fragen stellen und Antworten finden. Aus einigen, die so sind, werden Weltenbummler, die das Nomaden-Dasein genießen. Andere verwenden dies als Bewältigungsstrategie. Egal wie, die Grundlage ist dieselbe.

Was bedeutet das nun für uns? Was bedeutet das nach Borderline? Was bedeutet das, when borderline ends?

Ich dachte immer, mit mir sei etwas nicht richtig, weil ich immer abhauen muss. Hunderte Weisheiten à la „Man nimmt sich selbst auf jeder Reise mit“ oder „Flucht ist keine Lösung“ oder „Halt es doch einfach mal aus, steh es durch“ wurden mir vor die Füße geschleudert und jede davon ließ mich verzweifelter werden. Denn ich verstand den Kern der Aussagen, ich fühlte die Wahrheit darin und noch vielmehr spürte ich, dass keine davon zu 100 Prozent meine Wahrheit war. Denn meine Wahrheit war: Ich bin geflüchtet, ja. Aber den Wunsch zu gehen, hätte ich auch gehabt, wäre nicht Druckausgleich mein Motiv gewesen, denn ich bin eine Nomadin. Ich muss wandern, gehen, fliegen, entdecken, kennenlernen, Wissen erweitern, sehen, fühlen, verbinden, lernen, Neugier befriedigen, Fragen beantworten. Und das kann ich nicht an nur einem Ort. Das geht nur durchs Fliegen.

Und heute bin ich noch immer eine Nomadin, allerdings eine, die nun auch die Notwendigkeit von Wurzeln versteht. Ohne Wurzeln kommt man bei jedem noch so kleinen Windzug ganz schön ins Straucheln.

~ No tree, it is said, can grow to heaven unless its roots reach down to hell ~

C. G. Jung

Und konkret heißt das, ich habe das Bedürfnis, wieder zu wandern, weiterzuziehen. Mein Aufenthalt hier, wo ich jetzt bin, ist vorbei. Ich habe keine Wurzeln hier und ich glaube nicht mehr daran, dass sie sich hier entwickeln werden. Ich brauche jedoch Wurzeln, denn meine Flugkünste haben ihr aktuelles Limit erreicht. Um höher und weiter fliegen zu können, brauche ich jetzt einen Gegenpol. Aber ich habe keinen Druck mehr. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen Borderline und Nicht-Borderline. Ich habe das Bedürfnis, aber keinen Druck und das macht unglaublich frei. Meine Flügel sind mittlerweile stark genug, den aufkommenden Winden zu trotzen und mich zuerst zu orientieren. Ich denke über die nächsten Schritte nach und genieße die Freiheit, die mir meine Flügel geben. Ich freue mich darauf, wie viel höher und weiter ich komme, wenn ich meine Wurzeln setzen kann. Ich kann gehen, wohin ich will. In das Leben, in das ich will.

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