Wie ist es eigentlich, mit einer psychischen Erkrankung zu leben?

Wie sehr es mich gefreut hätte, wenn mir einer meiner „Vertrauenspersonen“, denen ich erzählte, eine Borderline Erkrankung gehabt zu haben und zu guter letzt eine schwere, alles vernichtende Depression, diese Frage gestellt und somit aufrichtiges Interesse an mir und meinem Leben gezeigt hätte. Ich wollte gerade beginnen, Dir davon zu berichten, wie es denn nun sei, als verrückt abgestempelt zu werden, zu sehen, wie Menschen, die Du liebst, Angst vor Dir bekommen. Wie belastend für sie meine psychische Erkrankung ist. Wie sehr es sie an ihre mentale Leistungsfähigkeit bringt.

Meine Intention an diesem Neujahrsmorgen war, es mir von der Seele zu schreiben, mein Innerstes nach außen zu kehren, über etwas, über das niemand spricht:

„Wie ist es, mit einer psychischen Erkrankung zu leben?“

Kaum habe ich die Überschrift mit dieser Frage bestückt, geschehen jedoch ganz andere Dinge. In meinem Kopf, in meinem Herzen, in meinem Bauch, der sich ein wenig so anfühlt, als hätte jemand hineingetreten, und in meinen Augen, die mir aufgrund des vielen Wassers, das seinen Weg nach draußen bahnt, die Sicht auf meinen Blog-Artikel verschleiert.

Wahnsinn! Die Frage ist schmerzhaft! Oder? Nein, warte. Nicht die Frage ist es, die schmerzt. Aber alles, was sich dahinter verbirgt: Der ruhige, kalte Schmerz der Einsamkeit, die man empfindet, wenn man alleiniger Inhaber von auf eine bestimmte Art und Weise gearteten Erfahrungen ist. Wie ein Tritt in den Magen ist auch der Verlust von geliebten Menschen, die lediglich das böse B-Wort hören (Borderline ist gemeint, liebe Leserin, lieber Leser 🙂 ) und sich darin verlieren. Sie hören dieses eine Wort, ein einziges Wort, und verlieren sich in unausgesprochenen Vorurteilen, Bildern und Meinungen. Als ob ein einziges Wort eine der komplexesten Entwicklungsstörungen auch nur ansatzweise verdeutlichen könnte; was es bedeutete, damit gelebt zu haben; was es bedeutete ein Leben gehabt zu haben, dass dazu führte, Borderline gehabt zu haben. Also ob irgendjemand schon einmal mehr darüber gehört hätte als „Borderline“ und „Ritzen“.

Stigmatisierung, Verurteilung, Angst, Unsicherheit – die Frage sollte wohl besser lauten:

„Wie ist es, damit zu leben, jemanden zu kennen, bei dem irgendwann mal Borderline diagnostiziert wurde?“

Da kämen vermutlich die weitaus interessanteren, chaotischeren und verstrickteren Antworten heraus, die zu lesen spannend wären.

Aber wie ist es denn nun für jemanden, der Borderline hat(te)?

Einsam.
Stigamtisierend.
Verurteilt auf Lebenszeit.
Abgeschoben hinter Grenzlinien zwischenmenschlicher Beziehungen.
Verschollen hinter den Mauern von Oberflächlichkeit.

Vielleicht hast Du bemerkt, dass die ursprüngliche Frage zu undeutlich formuliert ist. Denn obwohl mein Plan war, alle internen Prozesse zu Papier zu bringen, verliere ich mich gerade an den externen. Vielleicht schreibe ich demnächst einen weiteren Blog-Artikel darüber, wie es sich anfühlt, mit einer psychischen Erkrankung durch diese Welt zu wandeln. Für jetzt, möchte ich gedanklich und schriftlich bei der Außenwelt bleiben.

Du solltest wissen, dass ich kaum mehr mit dieser „Entwicklungsstörung“ zu tun habe. Ich erfülle die Kriterien nicht mehr, schon lange nicht mehr. Seit Jahren schon nicht mehr. Und wenn ich in der letzten Dekade damit zu tun hatte, dann als Reaktion und nicht mehr als Aktion. Der Unterschied liegt darin, dass ich natürlich für immer an mir werde arbeiten müssen (und wollen), da ich auf Ängste, jemanden zu verlieren und Unsicherheiten, die Instabilität verursachen, vielleicht auch heute noch ein wenig anders reagiere als Otto-Normal-Verbraucher. Mein Gehirn, meine Schalt- und Walt-Zentrale hat nun mal 35 Jahre lang gelernt, auf eine Art zu reagieren. Das muss man ja nun auch erst einmal wieder „verlernen“ lernen und herausfinden, wie man denn anders reagieren kann und neu lernen, reagieren zu lernen. Bis jetzt funktioniert das sehr gut. Der Weg war bisher hart, er war lang und es ist ein Weg, den man immer beschreiten wird – aber mal unter uns: Sollten wir das nicht alle? Den Weg der Weiterentwicklung beschreiten? Lernen, neu-lernen, und wieder lernen, wie wir an uns arbeiten können, um Mehrwert in dieses Leben zu generieren? Das hat wohl kaum etwas mit Borderline-gehabt-zu-haben zu tun. Das ist ein stinknormaler Prozess.

An dieser Stelle möchte ich nochmal deutlich machen, welche Entwicklungsstadien und Unterschiede es meiner Meinung nach auf dem Weg der Genesung, auf dem Weg der Weiterentwicklung von Borderline gibt:

1. agierendes Borderline – intrinsisch motiviert (beinhaltet Punkt 2 und 3 genauso)

2. reagierendes Borderline – extrinsisch ausgelöst (Punkt 1 ist nicht mehr existent)

3. Weder Aktion noch Reaktion entsprechen den Kriterien einer Psycho-Diagnose (ich scheue mich davor, es „Normal-Sein“ zu nennen, aber im Sinne der besseren Verständlichkeit, können wir diesen sprachlichen Ausrutscher wohl einmal verwenden).

Von heute aus beurteilt, befand ich mich in den letzten acht bis zehn Jahren in der zweiten Stufe und gerade bricht das neue Zeitalter der Stufe 3 an. Seit einem Jahr bis zwei Jahren bereits. Und selbst in dieser Stufe habe ich den Verlust eines mir wichtig gewesenen Menschen zu beklagen, der sein eigenes Päckchen in unsere „Beziehung“ eingebracht und das böse B-Wort zu einem willkommener Schuldenträger erklärt hat.

Und so ist es, in Stufe 3 mit einer Entwicklungsstörung gelebt zu haben, die einen solchen Namen trägt:

° Die Reaktion einer Borderline-Person (völlig unabhängig davon, ob es eine krankhafte oder eine der Situation angemessene Reaktion ist) wird zum Sündenbock für die Aktion eines „Normalos“ gemacht.

° Man wird zum Sündenbock für alles gemacht.

° Man zieht Menschen in sein Leben, die tiefsitzende Schwierigkeiten mit ihrem Selbstwertgefühl und mit Selbstliebe habe. Menschen mit narzistischen Persönlichkeitsmerkmalen, Menschen, die ihr Selbstwertgefühl auf meine Kosten steigern und das auf ganz unterschiedlichste Art und Weise. Und keine davon war irgendwie gesund für mich.

° Man kann in Beziehung nicht unterscheiden, von wem das ungesunde Verhalten ausgeht und ist deshalb prädestiniert, psychisch kranke Menschen in sein Leben zu lassen.

° Man zweifelt ständig an sich selbst und macht alle Probleme um einen herum zu den eigenen. Denn schließlich ist man selbst ja die psychisch Kranke. Man denkt überhaupt nicht daran, dass auch andere ungesunde Gefühle und Verhaltensweise an den Tagen legen.

° Man gibt sich selbst die Schuld, für alles. Aus oben genanntem Grund.

° Man ist gezwungen, in die tiefsten Schichten der Persönlichkeit vorzudringen. So tief, wie es kaum mehr in Worte zu fassen ist, so tief, dass es mit dem Verstand kaum mehr zu greifen ist. Das ist einsam, das ist unbeschreiblich schmerzhaft, und es macht so kräftig und stark, dass, sobald man dieses Level erreicht hat, andere vor einem zurückschrecken, weil man „zu“ stark, „zu“ stabil, „zu“ weise, „zu“ kräftig geworden ist.

° Man ist immer „zu“ sehr dieses, zu sehr jenes. Zu emotional, zu grüblerisch, zu strahlend, zu positiv, zu traurig, zu glücklich, zu intelligent, zu mitfühlend, zu kalt, zu tief, zu intensiv.

° Es ist schwer für andere, einen zu lieben. Und diejenigen, die mich lieben, bedingungslos, können ihre Liebe kaum zeigen, weil sie selbst mit ihrer bedingungslosen Liebe meine Liebe in dieser Tiefe, die sich unter sämtlichen Schichten der Persönlichkeit befinden, nicht mehr erreichen können.

° Psychische Erkrankungen enden in den Köpfen der anderen niemals. Es spielt keine Rolle, ob man „genesen“ ist oder nicht. Man war, ist und bleibt die psychisch kranke Person.

Wie ist es also, mit der Defintion einer psychischen Erkrankung zu leben?

Einsam.
Kräftigend.
Man wird stärker, als jeder andere, mit dem man zu tun hat.
Fühlend.
Mitfühlend.
Gebend.
Aktivierend.
Erweckend.
Sehend.
Kreativ.
Chaotisch.
Logisch.
Randgruppen-orientiert.
Weit(er)blickend.
Tief(er)schauend.

2 Kommentare zu „Wie ist es eigentlich, mit einer psychischen Erkrankung zu leben?

Gib deinen ab

  1. Wow.. das kommt mir teilweise so bekannt vor, dass mir der Atem stockt. Vor allem, dass man gerne die falschen Leute in sein Leben lässt, weil man nicht weiß von wem die Probleme nun ausgehen. Oft narzisstische Menschen, die ausnutzen wie unsicher der andere ist. Es ist alles so verwirrend und kompliziert, dass ich zwischenmenschliche Beziehungen oft am liebsten vermeiden würde obwohl ich sie auf der anderen Seite doch so sehr brauche. Wie auch immer, es war sehr spannend für mich deinen Beitrag zu lesen und ich bin gespannt ob Du demnächst noch was dazu schreibst

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