Abgeschoben und ausgeschlossen

Hallo ihr Lieben,

viele Menschen kennen das Gefühl, sich aus einer Gruppe ausgeschlossen zu fühlen und einsam unter Menschen zu sein. Und irgendwann weiß man gar nicht mehr, sofern man es überhaupt mal erfahren hat, wie es ist, sich dazugehörig zu fühlen.

Die Ursachen sind so vielfältig wie die Situationen und Lebensumstände, in denen man denkt, ausgeschlossen zu sein. Und ihr werdet es bestätigen können: Das ist beschissen. Ein furchtbareres Gefühl in der Magengegend und im Bauch, als hätte jemand hineingetreten und einen gleichzeitig in einen Strauch aus spitzen, scharfen Dornen geschubst aus dem man sich nicht alleine befreien kann. Ausschluss und Einsamkeit sind ne Bitch, die einen in ihren grellen, schmerzhaften Krallen gefangen hält.

Für Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung ist das Ausgeschlossen-sein, abgetrennt sein ein spezielles Thema und hängt mit mehr zusammen, als der eine Teil, von dem ich gleich schreiben möchte.

Ein familiärer Notfall verleitet mich dazu, das Thema Einsamkeit, sich ausgeschlossen zu fühlen, ausgeschlossen zu sein, aufzugreifen und aus mir rausfließen zu lassen.

Lasst mich dazu sagen, es ist mir zwar nach wie vor nicht fremd, mich einsam zu fühlen, aber es ist mittlerweile kein problematisches, behandlungsbedürftiges Thema mehr. Nicht mehr so sehr, wie es 35 Jahr lang war. Es gibt einige Techniken und Mittel, auf die ich zurückgreifen kann und die wunderbar funktionieren, falls es mich doch mal überfällt. Deshalb fällt mir nunmehr immer mehr auf, woher so viele krankhafte Gefühle und Verhaltensweisen ursprünglich kommen. Wann, wie und warum sie entstanden sind. Na klar: Aus dem Elternhaus. Je erwachsener ich werde, desto mehr eröffnen sich mir die kindlichen und schädlichen Verhaltensweisen meiner Eltern, die die Grundlage für eine Entwicklungsstörung geliefert haben.

Eine davon ist: Nicht offen und ehrlich zu sein

Eine sehr engstehende und wichtige Person, aka meine Mama, wurde mit einem sehr schwerwiegenden, lebensbedrohlichen Erkrankungsverdacht ins Krankenhaus eingeliefert und verbrachte den ersten Tag auf der Intensivstation. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass sich der Verdacht nicht bestätigte, jedoch die Suche nach der Ursache für den krankhaften Zustand weitergehen müsse.

So weit so gut, das sind beruhigende Nachrichten. Und wieso stelle ich mich jetzt so an? Was hat das mit mir zu tun und wieso beschäftige ich mich auf so egoistische Weise mit meinen verletzten Gefühlen, wo es doch offensichtlich Wichtigeres gibt? Weshalb trage ich überhaupt veletzte Gefühle in mir?

Die Antwort ist einfach und ich würde gerne eure Meinung dazu hören: Ich wusste nichts davon.

Ich wusste weder, dass sie sich bereits seit Wochen nicht gut fühlte, noch, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Diese Information habe ich zwei Tage später erhalten. Ihr ging es wieder besser, zumindest so gut, um genervt vom im-Krankenhaus-rumliegen zu sein, da rief sie mich erst an. Darüber freue ich mich sehr! Ich wünsche mir, meine Mama noch ein paar Jahrzente auf dieser Welt zu haben. Aber Mitgefühl, Sorge und Erleichterungwechseln sich sekundenweise ab mit Ärger, Enttäuschung und Traurig sein, dass ich aus dem Leben meiner Eltern ausgeschlossen werde.

Anschließend telefonierte ich mit meinem Pa und da es ihm gut genug ging, um einen Anschiss zu verkraften, auch wenn es ihn sicherlich etwas überfordert hat, dass seine geliebte Frau ernsthaft krank zu sein schien, stellte ich ihn zur Rede und macht unmissverständlich klar, dass ich – die Tochter – bitte sofort zu informieren bin, wenn sich einer meiner Elternteile in einer lebensbedrohlichen Situation befindet. Ich mein, was kommt als nächstes? Der Anruf a la: „Mama ist tot, aber schon seit drei Tagen. Wir wollten Dich nicht stören und Du musstest ja arbeiten. Wir wollten nicht, dass Du Dir gleich Sorgen machst. Aber nun ist es leider zu spät, jetzt ist sie tot.“

Wird das der nächste Anruf sein, nachdem meine Eltern entschieden haben, mich auszuschliessen? Sich nicht wie eine Familie zu verhalten, die gemeinschaftlich für einander einsteht, sich in schweren Zeiten unterstützt und schlichtweg respektiert, was einem der Familienmitglieder wichtig ist?

Wieso informieren sie mich nicht? Bin ich etwa kein Teil dieser Familie? Wieso respektieren sie meine Wünsche nicht? Wieso muss ich überhaupt darüber diskutieren, dass ich über solche Dinge – umgehend!! – informiert werde? Wieso verstehen selbst die engsten Verwandten nicht dass bedingungslose Ehrlichkeit und Offenheit das höchste Gut für mich sind, die Grundlage, der Baustoff, auf dem alles andere aufbaut. Ohne diese Grundlage ist der Rest der Beziehung zu jemandem, Freunde Partner, Familie, auf einem äußerst wackeligen Fundament aufgebaut umd wird über kurz oder lang einstürzen.

Dieses Beispiel von „Gut gemeint ist nicht gut gemacht“ ist wirklich eine Parade. Sie meinten es nicht böse, ganz im Gegenteil. Mein Pa war überfordert und meine Ma war nicht diejenige, die in der Lage war, mich zu informieren. Sie lieben mich und sie wollten mich schützen. Mein Kopf weiß das. Und dennoch sitze ich jetzt im Bus, auf dem vier Stundem langen Weg zu meinen Eltern und die Tränen fließen. Meine Gefühle sind verletzt, ich fühle mich nicht ernst genommen, das Verhalten vermittelt mir den Eindruck, als sei ich nicht wichtig genug, um teilhaben zu dürfen, als sei ich es nicht wert, Teil der ganzen Familie zu sein. Ausgestoßen, in den scharfkantigen Dornenstrauch geschubst. Weggeschoben.

Untermauert wurde das Ganze davon, dass ich gestern mit meiner Ma telefonierte und sie mir mitteilte, dass sie nun auf eine Untersuchung warte ansonsten ginge es ihr wieder ganz ok. Das war’s. Andere Informationen flossen nicht. Gestern Abend telefoniere ich mit meinem Pa, der mir eröffnete, dass meine Ma auf morgen früh (also heute) vorbereitet würde, mit Katheter und allem drum und dran, um die Arterien zu prüfen und gegebenenfalls einen Stent zu setzen.

Aha.

Danke für diese Information.

Danke dafür, dass ihr mir zeigt, wie Zusammenhalt, Gemeinschaft, Vertrauen und Offenheit nicht gehen.

Nun sitze ich in einem ziemlich leeren IC Bus auf dem Weg nach Hause und lass meinen Gefühlen freien Lauf, damit sie sich sortieren können, bis ich angekommen bin. Selbstverständlich steht im Vordergrund, meine Familie zu unterstützen. Es geht schließlich nicht um mich, sondern darum, dass es meiner Ma wieder gut geht. Und mal wieder stehen meine Gefühle, vor allem die verletzten, hinten an. Mal wieder werde ich damit allein gelassen. Mal wieder kann ich alleine zusehen, wie ich damit zurecht komme. Mal wieder bin ich weniger wichtig als alles andere.

Dafür fügt sich ein neues Puzzleteil in das gesamte Bild ein. Es ist wirklich nicht verwunderlich, dass Vertrauen schon immer ein äußerst schwieriges Thema war und ich dieses in mühsamer, jahrelanger Arbeit erst lernen musste. Ich verstehe auch, wieso ein Kind kein Selbstwertgefühl aufbauen kann, wenn ihm durch solche Aktionen immer und immer wieder vermittelt wird ‚Deine Wünsche sind weniger wichtig als die aktuelle Situation‘ . Ich fühle, weshalb ein Kind sich nicht geliebt fühlt, wenn es aus emotionalen Momenten ausgeschlossen wird. Es ist mir sonnenklar, dass ein Kind sich nicht verbunden fühlen kann, wenn die Verbindung von den wichtigsten Bezugspersonen an solch wichtigen Stellen unterbrochen wird.

Und nun?

Jetzt werde ich die Erwachsene in dieser Familie sein und meinen Eltern das geben, was sie gerade brauchen: Liebe, Mitgefühl, Nähe, Mut, Kraft, Hoffnung und Spaß.

Jetzt werde ich die Erwachsene sein und meine Grenzen, Wünsche und Erwartungen klarmachen und verteidigen.

Jetzt werde ich die Erwachsene sein, die sich selbst genug liebt und ernst nimmt, um micht mehr darauf angewiesen zu sein, dass jemand anderes das tut.

Jetzt werde ich die Erwachsene sein, deren Kopf weiß, dass die Eltern sie lieben, deren Herz das allerdings nicht fühlt.

Jetzt kann ich die Erwachsene sein, die ihnen bedingungslose Liebe gibt, auf die Art die sie benötigen, um sich geliebt und unterstützt zu fühlen, ohne das jemals von ihnen zurück bekommen zu können.

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